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Begegnung mit der Wirklichkeit Drucken E-Mail

Die Sache mit der Seele

Es gab einmal einen König mit Namen Sujagja. König Sujagja war ein mächtiger Monarch, der nicht nur der Herr­scher über die Erde sein wollte, sondern auch Herr über die Elemente: das Feuer, das Wasser und die Luft. Aber er starb in jungen Jahren und seine Frau beklagte und beweinte seinen Tod, und mit ihr klagten und trauerten auch seine Söhne und Töchter und der ganze Staat. Zu jener Zeit geschah es, dass ein Sadhu, eine heilige Persönlichkeit, hinzutrat und nach dem Grund für die Trauer fragte.
„Der König ist von uns gegangen!“, wurde ihm geantwortet.
„Der König ist gar nicht fort“, wunderte sich der Heilige. „Er liegt hier vor euch; ihr könnt ihn ansprechen.“
„Nein, nein, er ist tot!“, kam die Antwort. „Die Seele hat den Körper verlassen!“ „Nun, vielleicht kommt die Seele bald zurück“, schlug der Sadhu vor. „Das ist unmöglich. Sie wird niemals zurückkommen; deshalb sind wir ja so unglücklich!“
„Dann beweint ihr also nicht diesen Körper, sondern die Seele?“, fragte er. „Ja, wir weinen um die Seele, nicht um den Körper.“
„Dann könnt ihr mir, liebe Leute, sicher berichten, wie die Seele aussah, die den Körper verlassen hat. Welche Farbe hatte sie, und wie groß war sie und wie dick? Wie war sie beschaffen?“
„Wir wissen es nicht. Wir haben sie nie gesehen.“
„Ihr habt sie nie gesehen?!“, rief der Sadhu jetzt. „Ihr habt sie nie gekannt?!“ Welchen Sinn hat dann euer Klagen? Wie viele Menschen sterben Tag für Tag, die ihr nie gesehen habt und die ihr nie gekannt habt, und ihr weint ihnen keine Träne nach! Und wenn ihr um den Körper weint, welchen Sinn hat dann euer Klagen? Ist es nicht der Lauf der Dinge, dass Körper geboren werden, altern und sterben? Kann jemand das Schicksal aufhalten?“

 



Offen für die Wirklichkeit

Er sprach weiter: „Kennt ihr die Fabel von den zwei Tauben? Ich will sie euch erzählen. Ein Vogelpaar, zwei Tauben, die ein halbes Dutzend Junge in ihrem Nest großzogen, flogen jeden Tag auf Futtersuche, um die hungrigen Schnäbel zu füllen. Einmal kamen sie in einen idyllischen Wald, in dem ein Flüsschen plätscherte und grünes Gras in Fülle wuchs. Sie setzten sich auf einen Ast, schauten herum, und die Taube sah im Gras blinkende, lockende Reiskörner. „Mein Gemahl“, flötete sie. „Hier ist das Essen für uns und unsere Kinder. Worauf warten wir noch?“

Ihr Mann zögerte: „Etwas stimmt hier nicht, Liebste. Es gibt kein Reisfeld in der Nähe und auch keinen Händler. Vielleicht hat ein Jäger eine Falle gestellt. Besser suchen wir uns anderes Futter.“ Aber sie wollte nicht hören. Sie drängte und stieß, und als ihr Mann partout nicht kommen wollte, flog sie endlich alleine los, ließ sich bei den Reiskörnern nieder und begann zu picken. Der Jäger aber, ein stämmiger finsterer Kerl, der sich hinter den Bäumen versteckt hatte, frohlockte, zog an seinem Strick, und die Taube saß in der Falle.

Oh wie war da der Schrecken groß! Die Taube schrie und klagte und der Täuberich, der alles um sich herum vergaß, flog zu ihr, klagte ebenfalls und sie rieben ihre Schnäbel aneinander. „Wer soll jetzt unsere Kinder großziehen“, jammerte er. „Was ist ein Vater ohne die Mutter? Ich wünschte, ich wäre im Netz und du in Freiheit, dann wären die Kleinen gerettet!“
Natürlich half sein Jammer nichts. Der Jäger, der zusah, wie die beiden Vögel, vor allem der männliche, vor Klagen blind und wie von Sinnen waren, frohlockte. Er nahm Pfeil und Bogen auf und durch schoss mit einer raschen Handbewegung das Herz des Männchens. Der Vogel war auf der Stelle tot, und der Jäger kam schnell gelaufen und tötete auch die Taube im Netz, band die Füße der beiden zusammen und machte sich auf den Heimweg.“
„Ihr gleicht diesen beiden Vögeln“, tadelte der Sadhu. „Ihr trauert und klagt, aber ihr seht nicht, dass der Tod auch hinter euch steht. Eure Ahnen, Großväter und Väter sind tot, aber ihr benehmt euch, als könntet ihr ewig leben. Essen, Trinken und das Leben genießen, das ist eure Maxime. Alle eure Aufmerksamkeit gilt dem Körper und ihr verschwendet keinen Gedanken daran, die Seele zu verstehen.“ Mit diesen Worten verschwand der Sadhu.

Zuerst einmal müssen wir also verstehen, dass wir als Seele vom Körper verschieden sind. Die Seele hat ihren Sitz im Herzen und ist vom physischen und psychischen Körper bedeckt. Man darf sich mit diesem materiellen Körper nicht identifizieren.

Die Seele ist von gänzlich anderer Natur als die Materie, sie ist von ihrem eigentlichen Wesen her Krishnas ewiger Diener.

Die Seele ist von gänzlich anderer Natur als die Materie, sie ist von ihrem eigentlichen Wesen her Krishnas ewiger Diener. Moderne Wissenschaft besitzt keine Vorstellung von der Seele und ihrem transzendentalen Körper, sie hat es nicht einmal geschafft, die Psyche und den Verstand richtig zu erfassen und zu erklären. Obgleich wir uns damit brüsten, fortschrittlich zu sein, haben wir die Bedürfnisse des Körpers ins Uferlose getrieben und die Seele komplett vernachlässigt. Der Grund dafür ist der, dass die Menschen Gott nicht länger lieben: darum kennen sie keine Liebe und Zuneigung füreinander. Jeder ist sich selbst der Nächste.

Ehepaare bleiben nicht länger beieinander, Scheidung wird zur Alltagsangelegenheit. Eltern trennen sich von ihren Kindern und Kinder verlassen ihre Eltern.
Wir verschreiben uns sorglos dem Genießen und dem Spaßhaben. Aber keine Seele wird je im materiellen Körper glücklich werden.

Wir verschreiben uns sorglos dem Genießen und dem Spaßhaben. Aber keine Seele wird je im materiellen Körper glücklich werden. Das menschliche Leben ist dafür gedacht, einen Ausweg aus dem Gefängnis des Körpers zu finden, dem es bestimmt ist, alt zu werden und zu vergehen. Die Seele dagegen ist ewig. Wir verstehen das Offen­sichtliche nicht und verschwenden daher unsere Zeit mit Fleischessen, Trinken und der Befriedigung unserer Lust – wir jagen dem Glück hinterher, aber laufen in die Arme des Alters, das uns kläglich degradiert. Wir bilden uns ein, Glück zu kosten, aber schlucken im Grunde die bittere Pille des Leids. Wenn die Wissenschaft von heute sich auf ein wahrhaft fortschrittliches Niveau erhebt, wird sie dem Altern und dem endlosen Kreislauf von Geburt und Tod Einhalt gebieten können, vorher jedoch nicht. Dafür muss sie bei der zeitlosen Vedischen Kultur Anleihe nehmen. An vielen Stellen der Veden und Upanishaden wird erklärt, dass wir von der ursprünglichen Persönlichkeit abstammen; dass wir winzige Teilchen Gottes sind.

Aus dem Buch:

Begegnung mit der Wirklichkeit

von Shri Shrimad Bhaktivedanta Narayana Maharaja

 





Letzte Aktualisierung ( Mittwoch, 14. Mai 2008 )
 
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