| Heilig oder scheinheilig |
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Seite 1 von 3 Über Initiation, Bauernfänger und echte Meister Im Sanskrit heißt sie Diksha, im Deutschen sagen wir Initiation oder Einweihung dazu. Sie ist die Zeremonie, mit der der Meister dem Neuling zugesteht, den spirituellen Weg zu betreten. Initiation macht möglich, dass das Schlechte und Unreine das Herz des Schülers verlässt und höherer Erkenntnis weicht. Wie wirksam sie ist, hängt aber von seiner willigen Mitarbeit ab und ist nicht für jeden gleich. Nur eingeweiht zu sein bewahrt ihn nicht davor, wieder zurückzufallen, falls er nachlässig wird oder gegen die Regeln verstößt. Initiation dirigiert den Anfänger in die gewünschte Richtung und gibt ihm einen ersten Schub, doch wenn es weiter vorwärts gehen soll, muss er selber die nächsten Schritte tun. Wie stark der erste Anschub ausfällt, hängt ebenfalls von seiner Haltung ab. Die Segnung des Meisters erlaubt ihm, einen Blick vom Absoluten, von der Transzendenz zu erhaschen und den Weg dorthin zu erahnen; trotzdem aber muss er den ins Herz gepflanzten Samen unter Anleitung des Lehrers pflegen, wenn dieser sprießen und irgendwann ein Baum werden, Schatten spenden und Früchte tragen soll.
Die Folge ist, dass unsere Intelligenz starr, bedeckt und verwirrt wird – so sehr, dass wir unsere Krankheit nicht einmal mehr sehen können. Es wird uns nicht klar, dass wir ein Problem haben, weil unser Alltag nicht direkt beeinträchtigt ist wie bei körperlichen Störungen. Kein Wunder also, wenn Mann und Frau von heute zwar ganz gern über Gott und die Welt sprechen, sich aber nicht gedrängt fühlen, für ihr Seelenheil sich einem kompetenten Arzt anzuvertrauen. Fragen, die gelegentlich gestellt werden, sind die: „Um Gott zu verstehen, der schließlich nicht begrenzt ist: warum wird von mir verlangt, mich bestimmten Personen oder Riten zu unterwerfen? Braucht Krishna eine formelle Verzichtserklärung auf meine Unabhängigkeit? Wäre es nicht freizügiger und vernünftiger, uns in Freiheit leben zu lassen wie wir sind, mit all unseren Fehlern, die Er ja schließlich auch geschaffen hat? Und eingestanden, es sei unsere Pflicht, Krishna zu dienen: warum über den Umweg von Dritten, warum können wir uns nicht direkt an Ihn wenden?“ Eine andere Auffassung ist die: „Klar ist es hilfreich und bequem, einen guten Lehrer zu haben, jemand, der seine Schriften kennt und verstanden hat – aber man sollte sich nie jemandem so weit ausliefern, dass ein Bauernfänger Gelegenheit bekommt, zu missbrauchen. Schließlich kennt man solche so genannten Gurus zur Genüge. Es ist unglaublich, wie Leute, die offen im Luxus leben, sogar von gebildeten Menschen angehimmelt werden. Wer also will es verübeln, wenn man zögert, sich einem Guru bedingungslos zu ergeben, ganz egal ob dieser nun gut ist oder nicht. In jedem Fall muss ich mir einer Person völlig sicher sein, bevor ich auch nur annähernd daran denken kann, ihn als spirituellen Führer zu wählen; ich muss genügend gute Eigenschaften in ihm sehen, um darauf vertrauen zu können, dass er mir spirituell hilft.“ Gedanken dieser Art sind symptomatisch für den von der liberalen, säkularisierten Gesellschaft geprägten Zeitgenossen, wenn man ihn auf Guru und spirituelles Leben anspricht. Unsere Medien, Wissenschaft und Kunst propagieren Freiheit für das Individuum und sprechen doch im gleichen Atemzug der Freiheit, sich einer Person – wie qualifiziert auch immer – zu ergeben, ihre Berechtigung ab. Von Anfang an wird uns eingeimpft, wie wichtig, ja unumgänglich es ist, dass wir auf uns selbst vertrauen. Der echte Guru aber, um direkt zu sein, verlangt eiserne Treue und strikten Gehorsam, und der richtige Schüler ergibt sich ihm völlig. Aber: die Ergebenheit des Schülers ist weder irrational, noch ist sie blind. Sie ist vollständig unter der Bedingung, dass der Meister kompetent bleibt. Der Schüler behält sich vor, seine Loyalität an dem Tag zu kündigen, wo ersichtlich wird, dass sein Guru fehlbar ist wie er selbst. Und andererseits wird der echte Guru niemals jemanden als Schüler annehmen, der nicht gewillt ist, sich ihm unterzuordnen. Es ist obligatorisch für den Lehrer, solche Schüler zurückzuweisen, die nicht aufrichtig folgen wollen. Wenn er dennoch Rebellen und Zweifler einweiht, oder wenn andersherum der Schüler sich einem Bauernfänger ausliefert, der solches Vertrauen nicht verdient, dann ist sicher, dass beide, Schüler wie Lehrer, von ihrer Stufe herunterfallen. |



Wenn die Seele nachdem sie sich ein vernünftiges Bild von Gott verschafft hat sich nicht freiwillig entschließt, 

